Donnerstag, 6. Oktober 2011



"du musst doch mal was essen! was richtiges, nicht bloß dieses hasenfutter! was ist denn mit der pizza, die du gestern gekauft hast? willst du die nicht essen?"
ich öffne den kühlschrank, halte die pizza in beiden händen, drehe und wende die packung, bis ich die kalorienanzahl lesen kann. 693. eine halbe hätte also knapp 350. weitere zahlen gesellen sich in meinem kopf dazu. 18,86. sie ist nicht sicher, denn ich bin gerade erst wieder von der 19 runter.  ich will diese pizza essen. ich will es. aber ich kann es nicht, weil ich weiß, dass ich sie danach erbrechen würde, zusammen mit meiner ehre. meinem erfolg. ich weiß, dass mein bauch danach wieder aufgebläht wäre, gefüllt mit unnötiger masse, die ich gerade erst verloren habe. 

die schüssel mit salat steht neben mir, wartet darauf, geleert zu werden. es sind die ersten kalorien an diesem tag, die neben mir in ihrer sauce schwimmen und darauf warten, für meinen körper von nutzen zu sein.
aber um ganz ehrlich zu sein, habe ich nicht einmal appetit darauf, nicht einmal ein winziges bisschen. obwohl ich weiß, dass die kopfschmerzen nicht weniger werden, ohne grundlegende nachrungsmittel.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

pretty, pretty please



es ist schlimmer, als das letzte mal. viel schlimmer. fast unaushaltbar. ich habe 3 jacken an und trotzdem friere ich, als ich kaugummi kauend, mit einer cola light flasche in der hand an den gefriertruhen entlang gehe, jede einzelne packung fixiere. ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll, schweife mit meinem blick über alle regale, erblicke dinge, die ich ohne weiteres und auf der stelle verschlingen möchte.
ich schließe meine hände fester um den einkaufswagen, hoffe, so dem drang widerstehen zu können.
doch es funktioniert nicht. als ich an der kasse stehe und das band betrachte, wird mir erst bewusst, was ich alles kaufen will. es ist mir peinlich, so peinlich, dass ich am liebsten im erdboden versinken würde. doch meine oma zahlt, vielleicht glauben sie, all diese lebensmittel seien bloß für sie.

das einzige, was ich noch machen kann ist, die dinge, die in den kühlschrank gehören wegzupacken. dann stehe ich vor der entscheidung: stark bleiben oder der bulimie nachgeben. es ist viel zu früh, um mit so vielen lebensmitteln konfrontiert zu werden, allein zu sein. die küche und ich. bloß wir zwei.
ich bin immer noch viel zu breit, um klar denken zu können, um die richtige entscheidung zu wählen.
ich muss hier weg. raus.

und ich laufe einfach los, ohne groß zu überlegen. ich laufe, bis mein kopf wieder besser arbeitet, bis die gedanken verschwinden, die mich so lange schon quälen.

wenn es jedes mal dieser kampf sein muss, dieses "überreden", bloß um nicht zu fressen und danach zu erbrechen, weiß ich nicht, ob ich das überhaupt will.
es tut so weh. 
und wenn ich mich zwischen dem schmerz im hals und dem schmerz im herzen entscheiden muss, ist es so viel leichter, das physische leiden auszuhalten..

57,8

Montag, 3. Oktober 2011

geh weg von mir, doch lass mich nicht allein, mia.
ich nehme das essen in die hand, jedes einzelne stück reiße ich auseinander, während in meiner seele ein hilfloser sturm von tränen wütet, die nicht nach außen dringen wollen. es landet in einer schale, weicht auf, zerfällt und während ich die letzten bisse, die noch in meinen mund gelandet sind, schlucke, überfällt mich der druck nach erlösung, der druck nach dem schmerz, der genugtuung.
es sind tränen der angst, angst, vor der hilflosigkeit, die ich zu gut kenne.
ich will nicht mehr abhängig sein von der bulimie, will mir nicht mehr meine organe von der magensäure zerfressen lassen, will meine zähne nicht dünner und dünner werden lassen, will kein mascara verschmiertes gesicht mehr haben, will den verräterischen geruch nicht mehr an meinem körper haben, nicht mehr an meiner seele.
ein letztes mal, will ich dir bloß noch nachgeben, ein letztes mal, will ich keuchend auf dem boden vor der toilette liegen, mit einem brennenden schmerz im hals.
...und ich will mich wirklich von dem widerlichen geräusch, das entsteht, wenn meine kalorienzufuhr in der toilette landet, verabschieden. doch ich kann es nicht. ich kann nicht.




und eigentlich hast du so dermaßen recht, dass es weh tut.
denn darum geht es in wahrer freundschaft.

Sonntag, 2. Oktober 2011

ich habe keine reine haut, keine gesunden, langen, schönen haare, keine großen augen, keine dichten, langen wimpern. keine grazilen finger, keine schönen nägel.
ich bin nicht dünn, nicht schön, nicht außergewöhnlich. mein arm ist noch immer von deutlich sichtbaren narben überzogen. meine brüste sind zu klein, meine schultern zu breit.
ich rauche zu viel, ich trinke zu viel, ich konsumiere zu viele drogen.
ein leben im rausch, oder gar keins. es sind die einzigen beiden möglichkeiten und es gilt, sich dazwischen zu entscheiden.

ich bin nicht besonders lustig, besitze keine große ausstrahlung.
wenn ich unter drogeneinfluss stehe, bin ich schnell reizbar, aggressiv.
ich bin kein guter mensch, nichts besonderes. 0815.

also schmiere ich tomatensauce auf den leeren teller und das besteck, fülle eine müslischale mit einem schuss milch und stelle beides in die küche.
in der hoffnung, dass ich auf dem weg der besserung bin.